Polemisches Spektakel im Reich des Guten

Für die Realisierung des Traums wird das Reich des Guten per Gesetz verordnet, es reglementiert unsere Gedanken und Bedürfnisse. Kritik daran zu üben impliziert gleichzeitig die Gefahr, selbst zum Teil des Spektakels zu werden. Der französische Polemiker Philippe Muray belegt das mit seiner spitzfindigen Schrift unfreiwillig.

Der Schriftsteller Philippe Muray hat bereits in den 1990er Jahren die Formen eines „Reichs des Guten“ umrissen und in einer Schärfe dagegen polemisiert, die man im deutschsprachigen Raum nicht gewöhnt ist. Doch seine pointierte Kritik ist zugleich auch ein Abgesang auf die Errungenschaften des Abendlandes, die im Verschwinden begriffen sind. Dabei ist es vor allem die Freiheit des Individuums, die er durch einen sich totalitär gebärdenden Moralismus nachhaltig bedroht sieht. Mit einer radikal-pessimistischen Haltung blickt Muray auf die Jahrtausendwende: „Der gute Wille bringt Unglück.“

Doch was ist das Reich des Guten, wie Muray es versteht? Es ist ein Reich, das sich weniger inhaltlich als formal begreifen lässt. Denn im Reich des Guten gilt es, den Status quo zu feiern. Und jeder, der ihn angreift, ist ein Verräter, ein Abweichler, ja ein Nestbeschmutzer, der mit gesellschaftlicher Ächtung sanktioniert werden muss, weil er das Glück aller gefährdet – und diesem gilt es jegliche individuellen Empfindungen unterzuordnen. Schließlich wiegt sich das Reich des Guten in der Selbstüberzeugung, der bestmögliche aller Gesellschaftsentwürfe zu sein. Zugleich ist das Reich aber auch ein radikal egalitäres, das alle negativen Elemente aus seiner Geschichte getilgt hat.

Der für Ästheten schlimmste Charakterzug dieses Reiches ist zweifelsohne der Verlust des guten Geschmacks. Das kollektive Glück wird teuer bezahlt, wenn die Hürden zur Partizipation möglichst gering gehalten werden, um eine Integration aller zu ermöglichen. Das steht der Kunst nicht gut zu Gesicht. Denn im Reich des Guten wird alles dem großen Ziel untergeordnet, eine Welt einzurichten, in der es keine Höhen und Tiefen mehr gibt, eine Welt, in der jedes nach Größe strebende Individuum direkt von der Masse eingefangen wird. Die Möglichkeit zur Formung eines ausgebildeten Geschmacksempfindens wird nicht mehr kulturell gewährleistet, sondern ist nur noch gegen große Hürden möglich.

Genau an dieser Stellt liegt nach Muray auch die große Gefahr dieses neuen Reiches der „Vergnügungsfabrik“. Der Inhalt kann sich beliebig verschieben; solange die Form erhalten bleibt, bleibt auch das Reich bestehen. Nicht aus Zufall sind die Strukturen erschreckend ähnlich mit denen anderer totalitärer Systeme des 20. Jahrhunderts, wie Muray hervorhebt: Bürokratie, Denunzierung, Kult der Jugend, Ausschaltung des Kritikvermögens, Zerstörung des individuellen Geschmacks usw. Jede Größe, alles Einzigartige verschwindet. Es lebt nur noch das Kollektiv. So ist ein weiterer markanter Wesenszug die kontinuierliche Abflachung und Zerstörung eines kultivierten Sprachvermögens zugunsten eines formal-rechnerischen, das ohne Seele und Charakter den Anforderungen moderner Gesellschaften entspricht.

„Der Terrorismus des Wohlbefindens zählt zu den letzten Qualen, die eine unter dem Frieden der einvernehmlichen Friedhöfe begrabene Welt ersonnen hat, um sich ein bisschen lebendig zu fühlen.“

Der Kulturpessimismus Murays kennt kaum Grenzen und erweist sich in der Nachbetrachtung freilich eher als ein Kulturrealismus. Diese Zeitgeistkritik ist für den geneigten Leser aber nicht neu. Sie geht in ihrem Ursprung freilich auf die Denker der Gegenaufklärung zurück, die Muray zweifelsohne kennt. Deshalb muss man auch in den 1990er Jahren kein Prophet sein, um die Auswüchse der „totalen Demokratisierung“ vorherzusagen. Doch gibt es über dreißig Jahre nach der Veröffentlichung neben der reinen Lust an scharfer Polemik und überspitzten Formulierungen noch einen überzeugenden Grund, die Beobachtungen des Celine-Biographen Muray ernstzunehmen?

Wenn es nach Michel Houllebecq geht, schon. Denn Muray ist nicht nur einer seiner großen Lehrmeister, der inhaltlich viele Aspekte vorweggenommen hat, die Houellebecq schriftstellerisch in seinen Werken aufgegriffen hat, sondern wird zugleich von den französischen Diskurswächtern den „neuen Reaktionären“ zugerechnet, zu denen neben den beiden genannten auch Maurice Dantec gezählt wird.

„Die Ideen von Muray und Dantec verdienen Verbreitung, sehr viel mehr als jene der meisten Intellektuellen und auch mehr als meine. Das ist keine Bescheidenheit; ich weiß, was ich als Autor wert bin, ich war noch nie bescheiden, und ich lehne die Bescheidenheit auch ab. Das ist vielmehr eine Tatsache: Ich betrachte Muray und Dantec als mir intellektuell leicht überlegen.“ – Michel Houellebecq

Wenn dem wirklich so ist, wie Houellebecq hier darlegt, und es sich nicht nur um eine verspätete Krönung des eigenen Lehrmeisters handelt, dann müsste Muray tatsächlich mehr vorlegen als reine Polemik. Gut möglich, dass Muray das getan hat, auf Deutsch ist sein tausendseitiges Essaywerk kaum übersetzt. Inhaltlich trägt seine Polemik zumindest nicht sonderlich weit, und er geht bewusst nicht an die Wurzeln der von ihm ausgemachten Tendenzen.

Einen wichtigen Aspekt des skizzierten Reiches, das sich stets weltoffen und liberal gibt, scheint Muray allerdings maßgeblich zu unterschätzen: Indem das Reich die Selbstkritik in seine innere Struktur integriert hat, muss Kritik gleichsam zur Karikatur ihrer selbst werden: sie avanciert zum öffentlichen Spektakel. Dadurch, dass grundsätzliche Kritik bis zu einem bestimmten Grad zugelassen ist, wird bewusst der Anschein von Legitimation suggeriert. Unfreiwillig wird die beißende Polemik entgegen ihrer eigentlichen Intention dadurch vollkommen unschädlich gemacht.

„Die Welt ist eine Vergnügungsfabrik!“

Teil dieses Spektakels sind so vor allem öffentliche Auseinandersetzungen zwischen „Intellektuellen“ und anderen Theoriemüllhaldenaufsehern. Doch auch filmische Abhandlungen können die dunkelsten Ecken der tiefenpsychologischen Verfassung des Reiches ausleuchten. Fight Club kann hier abermals als eine der populärsten und meist rezitierten filmischen Inszenierungen einer Fundamentalkritik an einer Welt genannt werden, die sich zur Aufgabe gemacht hat, ein Disneyland für jedermann zu erschaffen.

Tiefe Spuren hinterlassen diese Auseinandersetzungen nicht, denn durch die Diskussion der Abhandlung in der Öffentlichkeit wird die Kritik selbst in die allesverschlingende Unterhaltungsindustrie eingebunden. Die härtesten Kritiken an der Moderne selbst sind ironischerweise zu ihren größten Verkaufsschlagern geworden. Die „Selbstkritik des Spektakels wird in der Mikrowelle gebacken“ formuliert Muray stilsicher, doch womöglich trifft der bitterböse Satz gleichermaßen auf seine Schrift zu.

„Gibt es ein Leben nach der Kultur?“ fragt Muray abschließend, ein „Leben Nach den Büchern des Monats und Megasellern? Nach den Essays, über die alle sprechen?“ Fraglos gibt es das, und zwar genau dort, wo Muray es vermutet, nämlich im Verborgenen. In einem Raum, auf den das Reich des Guten keinen Zugriff hat, einem Raum, der zuvorderst im Einzelnen selbst verortet ist und dort seinen Ausgangspunkt nehmen muss.

Für wen diese kleine Schrift mit dem markanten Titel geschrieben wurde und weshalb sie 30 Jahre nach ihrem Erscheinen in Frankreich erstmals bei Matthes & Seitz ins Deutsche übersetzt wurde, erklärt Muray selbst: Nämlich für diejenigen, die ohnehin schon wahrnehmen, was um sie herum passiert. Dementsprechend liefert Muray auch keine Lösungsvorschläge, sondern gefällt sich in der Rolle auf dem verlorenen Posten.

Ein Feind dieses Systems ist Muray freilich nicht und die Erklärung, warum das ist so, legt er gleich selbst vor, denn die Feinde des Reichs sind diejenigen, die nicht mitmachen. Doch genau das tut Muray, wenn auch frech und höchst unterhaltsam. Systemkritik wird ohnehin überschätzt und sicherlich würde Muray erheitert der Formulierung Arne Kolbs zustimmen, dass „nichts moderner sei, als die Moderne zu bekämpfen.“

Philippe Muray, Das Reich des Guten, Matthes&Seitz 2020, 20 Euro.