Verschüttete Stimmen (VI): Alexander Lernet-Holenia

Früh schon erregte sein Schaffen die Bewunderung Rilkes und Stefan Zweigs, der über ihn in einem Brief an den Komponisten Richard Strauss schrieb, er sei „ganz groß in seinen Gedichten“. Neben Lyrik schrieb Lernet-Holenia (1897–1976) auch Romane, Erzählungen und Bühnenstücke. Über letztere bekannte er 1929 freimütig, dass er sie „wirklich nur der Tantiemen halber“ schreibe. In erster Linie sah er sich selbst als Lyriker, alles andere war ihm weitgehend Broterwerb ohne höheren künstlerischen Anspruch. Dennoch ist er heute, wenn überhaupt, vor allem für seine Romane und Novellen (etwa Der Baron Bagge von 1936) bekannt und weniger für seine Lyrik.

Sein Biograf Roman Roček sprach von den „neun Leben“ des Alexander Lernet-Holenia. Doch im Wechsel der Gesellschaftssysteme (von der k. u. k. Monarchie bis zur „Zweiten Republik“ Österreich) und im äußeren Wandel seines Lebens gab es etwas Dauerhaftes, Beständiges: Sein lyrischer Stil hat sich seit seinen Anfängen als Dichter, die noch ganz im Banne Rilkes standen, bis zu seinen letzten Gedichtpublikationen kaum verändert. Maßgebend blieben stets Hölderlin und Rilke, wobei der Einfluss Rilkes auf Lernet-Holenias Lyrik nach dem Zweiten Weltkrieg zurücktrat.

Diese Dauerhaftigkeit und Beständigkeit hat manche dazu verleitet, Lernet-Holenias Lyrik als bloß epigonal abzutun. Wie kann man nach 1945 noch im hohen Ton Hölderlins schreiben, wenn es ohnehin, nach dem Diktum Adornos, „barbarisch“ ist, nach Auschwitz überhaupt noch Gedichte zu schreiben? Muss die Lyrik nicht wenigstens zur „Trümmerlyrik“ werden nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs? Von solchen Überlegungen unbeeindruckt, schrieb Lernet-Holenia 1946 im hohen Ton voller Pathos seine umfangreiche und formstrenge Elegie „Germanien“, die bereits die „Kollektivschuld“ der Deutschen thematisierte und ihnen zurief: „Schiebt nicht die Schuld auf andre, – diese Schuld / und alles andre Schuldsein!“

In dem ersten der hier vorgestellten Gedichte („Der Herbst“) ist der Einfluss Rilkes auf Lernet-Holenia unverkennbar. Insbesondere springen die Enjambements ins Auge sowie das Verfahren, nebensächliche Wörter wie „in“ und „an“ als Reimwörter zu verwenden. Auch vom unreinen Reim (über den ein anderer österreichischer Dichter, Josef Weinheber, ein aufschlussreiches Sonett verfasst hat) wird ausgiebig Gebrauch gemacht: „Geliebte“ reimt sich auf „sanftgetrübten“, „einem“ auf „Leinen“ usw. Wären sämtliche Gedichte Lernet-Holenias in diesem Stil gehalten, könnte man ihn vielleicht als einen (zweifellos kunstfertigen) Rilke-Epigonen abtun. Deshalb wird hier, um den Einfluss seines zweiten Vorbilds, Friedrich Hölderlins, auf Lernet-Holenia zu verdeutlichen, noch zusätzlich das Gedicht „Die Alpen“ vorgestellt, aus dem man auch Anklänge an Georg Trakl heraushören kann.

 

Der Herbst

Jetzt wird ein jeder Tag so sanft geringer,
als ob der Sommer nur vergangen wär,
wie wenn einem ein Lufthauch durch die bloßen Finger
fließt, da sieht einer hin, da ist nichts mehr.

Im leeren Zimmer weint, wie um eine Geliebte,
der Wind um seine schlanke Lieblingin.
Der Bach fließt leise mit dem sanftgetrübten
Geleuchte blinder Steine unter Schleiern hin.

Der Himmel hinterm Laub ergrünet wie Türkise.
Die weiße Sonn’ schwimmt gläsern im Gewölbe klar.
Beträuft von Tau ergreist die ungemähte Wiese,
und als ob einer Alten weiß das Haar

verwelkte, fällt den Fenstern kalkig das verwirrte
Gewind des Weinlaubs in die Augen, und es kräht ein Hahn
herüber, als wie wenn ein dünnes Silber klirrte;
im Turm aus Holz die Uhr schlägt wieder zinnern an.

Mit ihren reingewaschnen Ringen frieren einem
die Hände (weil die Fenster jetzt im kleinen Saal
noch offen sind) und liegen auf den feuchten Leinen
zwischen dem Glas und Silber kalt beim Mahl.

Zwar blendet noch der Tag, und Blätterschatten wehen
wie sonst über die Böden, wo die Hunde in
der Sonne liegen, und der Springbrunn tönt mit wehem
Gewein, wie sonst, wie sonst, und mit dem Winde ziehn

die Vorhänge aus weißem Flore rührend
herein, als ob noch immer Sommer wär’, und knien
sich auf das Fensterbrett wie aus dem Grabe frierend
zurückgekehrte Schatten toter Mädchen hin.

 

Die Alpen

Am Mittag umfängt den Himmel
ein Duft erhitzter Titanen,
ertönt die Stille
der steinernen Gipfel rings.
Zu Füßen der Felsen
ihr, blaue Zyanen! und es sucht
der schimmernde Wind,
der von den Gletschern weht,
die unsichtbaren, fern
läutenden Herden
in jugendlichem Leide.

Immerwährend
ist all eure Zeit,
ihr Gewaltigen! Alles
Vergangne, es ist erst
seit der einsamen Klage
jenes Vogels vorhin,
alles Künftige, ihr
weissagenden Berge! bis
die Abendschatten
euch von den Schultern sinken
aus düsterem Eise.

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