Aphoristiker auf Abwegen

Als ich bei Arne Kolb zu Gast war, fiel mein Blick auf einen achtlos herumliegenden Block, wie ihn Schuljungen verwenden. Das seien Notizen, die er sich mal gemacht habe. Als ich darin las und fragte, ob ich es verwenden kann, zuckte er mit den Achseln und meinte: Das interessiert keine Sau. Diese prosaisch anmutenden Skizzen gibt es im Folgenden zu lesen. 

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III. Eine Philosophie-Studentin, 10,01.2021

Als wir aufbrachen, war der Himmel lichtdurchflutet und von einem eigentümlich tiefen Blau zugleich. Niemand begegnete uns, während wir durch Wälder von Aloe und Sandelholz die Klippen bestiegen. Lediglich die Insekten, zu winzig um Hitze in sich anzustauen, widerstanden zwischen den Blüten umhersurrend der allgemeinen Trägheit. Selbst den trockenen Sträuchern glühte es ätherische Dornendünste aus. Vom Kamm aus sahen wir das grüne Wasser der einsamen Bucht, dahinter das dunkle Ultramarin der See und schließlich die Gestade des Horizonts, an der zwei unterschiedslose Schattierungen aufeinandertrafen. Wie von der eigenen Schwere gezogen, sank duftgeschwängerte Luft die üppig bewachsenen Steilwände hinab, um betörend flirrend über der Bucht zu verharren. Die Sonne stand bereits im Zenit. Wir zogen unsere Multifunktionswäsche aus und streiften durch die Wärme des Lichts, unsere Haut war braun und fest, wirklichkeitsgegerbt, sonnenwindtrunken. Von der Wanderung erhitzt kühlten wir uns im Wasser, dann gruben wir uns in den warmen Sand des Palmenschattens. Ein leichter Wind ging, schwül und doch erfrischend, weil unter seinem Anhauch die Nässe auf der Haut verdunstete. Die Augen fielen uns zu, und wenn man sie nach Ewigkeiten wieder öffnete, so schien sich die weit draußen vorüberziehende Jacht nicht bewegt zu haben. Von Morgen und Abend betrachtet, ist der Mittag nur eine dünne Linie, doch aus sich selbst unermesslich. Nachdem wir uns geliebt hatten, diskutierten wir den ontologischen Status der Röte. In gewissem Sinn war das ein Abstieg, doch über diesen Sinn vermochten wir uns nicht zu einigen. Ein Tintenfisch war aus der Tiefe emporgestiegen, und seine zahllosen Arme weideten in blinder Gier den flachen Grund ab.

II. Jungfernzeugung, 27.12.2021

Während der einsamen Jahre meines Studiums verdiente ich ein Zubrot als Samenspender; so konnte ich mir eine kleine Wohnung im obersten Stock einer Mietskaserne leisten. Natürlich benötigt man dafür ausgezeichnetes Sperma, mein Sperma ist ausgezeichnet, es zeugt zuverlässig blonde, mutmaßlich gesunde, mutmaßlich intelligente Kinder. Meine Studien interessierten mich nicht eigentlich, andererseits war ich auch nicht so dumm, dass ich viel Zeit auf sie hätte verwenden müssen. Im Grunde war ich ein sozial angesehener Arbeitsloser. Die freie Zeit wusste ich allerdings nicht zu nutzen, die Einsamkeit langweilt mich, noch mehr aber der Verkehr mit Menschen: In Gegenwart von dümmeren Menschen langweile ich mich, in der von Intelligenteren bin ich gehemmt. Mein Unglück ist, dass ich die Intelligenz von Menschen zu genau beurteile, nie finde ich einen Ebenbürtigen, immer sind sie etwas dümmer oder etwas intelligenter.

Deshalb beschloss ich, den vermittelten Verkehr mit Menschen zu pflegen, den Verkehr über die Jahrhunderte hinweg, den Verkehr mit Toten, mit einem Wort: Die Literatur. Ich beschloss, ein Buch zu schreiben, ein bedeutendes Werk. Man muss bedenken, dachte ich, dass man das Produkt einer lückenlos geschlossenen Kette von mindestens vierhundert Millionen Jahren sexueller Fortpflanzung ist. Man muss sich vorstellen, dass diese Ahnenreihe über die Zellteilung hinaufreicht an die Urzeugung allen Lebens, die ein Mysterium ist. Man muss sich vollkommen klar sein über seine Stellung im Kosmos und dann alles verklingen lassen in der glockenreinen Poesie eines Kastraten… Wie jedes bedeutende Werk hatte auch meines eine autobiographische Grundierung: Der Protagonist war ein erfolgreicher, einsamer, alter, unglücklicher Schriftsteller. Ihn besuchte ein junges, progressives, literaturbegeistertes, lesbisches Paar, in der Absicht, ihr gemeinsames Kind von ihm zeugen zu lassen – „wegen ihrer allgemein anerkannten Genialität“, wie ich mich sie sagen zu lassen nicht scheute. Der Schriftsteller, dieses alte, verkommene, geile Schwein (da habe ich mich selbst porträtiert!) ließ sich darauf ein, in der Absicht möglichst viel für sich herauszuschlagen, während die beiden Mädchen immer nur auf sein Sperma aus waren. Mir gelangen Szenen von drastischer Erotik, grotesker Komik und ergreifender Traurigkeit zugleich! Dazwischen essayistische Dialoge über Literatur, Liebe, Gesellschaft, Gleichberechtigung usw. Zwischen den pornographischen Szenen erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den Feministinnen und dem Reaktionär (Hommage an Houellebecq, aber hässlicher als Houellebecq). In der Schlussszene sollte der Schriftsteller einsam, erschöpft und vollkommen leer zurückbleiben, während die geschwängerten Lesben davonfuhren in die Morgenröte einer herrlichen Zukunft.

Es kam allerdings nie dazu, denn eines Abends – ich hatte bereits 20 oder 25 Seiten verfasst – erkannte ich plötzlich in dem ganzen Text nur eine alberne, widerwärtige, abgrundtief peinliche Altmännerphantasie, eine pornographische Houellebecq-Travestie minderwertigster Art. Viermal Sperma in einem Absatz, dachte ich, und Schamröte stieg mir ins Gesicht. Ich löschte die Datei, trat ans Fenster meiner Mietskasernen-Wohnung und schaute mit starrem Blick herab auf die Studenten und Stadtbewohner, die ihren abendlichen Zielen zustrebten. Im Grunde ist es lächerlich zu schreiben, dachte ich, eine Persönlichkeit meiner Bedeutung sollte wenigstens Samenspender sein.

I. Der richtige Bus, 11.12.2021

Unter den Menschen, die verschlossen im Bus saßen, erschrak plötzlich einer, weil er im falschen Bus saß. Unvermittelt war der Bus vom richtigen Weg abgewichen, und erst daran hatte ich bemerkt, im falschen Bus zu sitzen. Niemals war das geschehen. Natürlich hätte ich an der nächsten Haltestelle aussteigen und zurückrennen können, doch daran dachte ich gar nicht. Ich werde den Termin versäumen; gekündigt werden vielleicht, dachte ich. Vielleicht war ich unbewusst in den falschen Bus gestiegen, um gekündigt zu werden, dachte ich; vielleicht aber auch nur aus Dummheit und aus Unwissenheit. Ich bin ja immer dumm und unwissend gewesen, dachte ich, und nur aus Glück, nur aus Zufall wird es erst jetzt entlarvt. Mein In-der-Welt-sein ist ja eigentlich immer nur ein Im-falschen-Bus-sein gewesen, dachte ich, und erst nach einem Vierteljahrhundert hatte ich es bemerkt. Müdigkeit überkam mich, und ich lehnte mich zurück in die Wärme dieser Müdigkeit, während draußen die Landschaft in traumhafter Luzidität vorbeizog. Ich fuhr bis zur Endhaltestelle, an der ich noch nie gewesen war, dann stieg ich aus. Die Vormittagssonne schien durch einige Wolken auf einen Brunnen, der von Linden umstanden war, in deren Zweigen kleine Vögel zwitscherten. Einen Augenblick sah ich mich um, dann ging ich nach einem Café, darin die verschiedensten Leute bei einem verspäteten Frühstück saßen.

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