Lyrik

Vielleicht ist uns das Wagnis der Dichter, Pflanzen und Tiere anzusprechen, als seien sie Partner in einem menschlichen Dialog, durch tausendfaches Beispiel schon allzu vertraut geworden, als dass wir uns noch darüber wunderten. Wenn Hölderlins Gedicht „Die Eichbäume“ aber mehr sein soll als ein Museumsstück oder eine...
Götternacht – dieser sinnträchtige Begriff steht bei Friedrich Hölderlin für den Prozess, der später auch von Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben werden wird: Im Zuge der neuzeitlichen, technisch-rationalen Erforschung der natürlichen Welt verliert diese endgültig ihre einstmalige Bedeutung als Heimstatt göttlicher Mächte und wird zum...
Die Anrufung des Windes. Zu Friedrich Hölderlins Hymne Andenken. Im Dezember 1801 macht sich Friedrich Hölderlin – 31 Jahre alt, in nicht ganz einfachen beruflichen und persönlichen Verhältnissen lebend, als Dichter nur wenigen Kennern geläufig, von diesen aber umso höher geschätzt – von...
Landschaft als Erfahrung und Landschaft als Imagination Sommer und Herbst des Jahres 1800 waren für Friedrich Hölderlin eine gute und überaus produktive Zeit. Im Juni folgte er einer Einladung seines vertrauten Freundes Georg Chri­stian Landauer, eines Stuttgarter Tuchhändlers, und quartierte sich in dessen...
— Zu Rüdiger Safranskis Hölderlin-Biographie — Die lateinische Sprache kennt zwei Worte für ‚Dichter‘: poeta und vates. Poeta meint den Dichter, wie man ihn landläufig kennt: als einen, der nach bestimmten Regeln Sprachkunstwerke formt. Der vates hingegen hat noch eine weitere...
Ob Ihnen Lyriker geläufig sind, die sich zunächst hartnäckig an Erzählwerken versuchten, das eigene Metier also entweder nicht auf Anhieb fanden oder sich zumindest nicht abfinden wollten allein mit ihm? Umgekehrt fällt die Listung leichter: Ernst Jünger erwarb sich in Wandervogel-Kreisen erste Anerkennung mit Gedichten, Stefan Zweig...
Als mir im Frühjahr 2014 von den Verantwortlichen achselzuckend das Abitur nachgeworfen wurde, bestand darin die entschieden geringere von zwei wegweisenden Weihen im Jahreslauf: Denn höher weit als bis zur freigiebig verteilten Hochschulreife, so dachte man nachträglich bei sich, musste man wohl im selben Herbst mit der...
Jahrhunderterscheinungen wie der Lyriker und Essayist Gottfried Benn wirken weit über ihre Lebzeit hinaus und inspirieren folgende Generationen. Der Autor der nachfolgenden Zeilen ist einer dieser Inspirierten. Nicht zuletzt durch die Absolvierung eines Medizinstudiums sind beide biographisch miteinander verbunden. Auch die Kenntnis vom Einzeldasein inmitten einer...
Der späte Benn, das ist nicht mehr Schrei, Traum und Rausch. Es ist Ernüchterung. Der dionysische Materialismus des Frühwerks weicht einem resignativen Materialismus. „Menschen getroffen“ ist das Bekenntnis eines aufrichtigen Materialisten, Bekenntnis einer intellektuellen Resignation: das Sanfte und Gute ist zwar in der Welt, aber der Dichter...
In „Teils-teils“ berichtet Benn, dass in seinem amusischen Elternhaus „kein Chopin gespielt“ worden sei. Dass Benn hier gerade Chopin erwähnt, zeigt, dass dieser für ihn etwas Exemplarisches verkörperte: das vom Bürgertum vereinnahmte Genie. „Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal, / damit das Pack drauf rumlatscht!“, heißt es in „Nachtcafé“....