Süße Nöte — Über ein verkanntes Erbe

„Eine Spurensuche für Liebhaber und Lernende“; – angenehm gestrig ist sein Buch über Stefan George betitelt, das mir der Schriftsteller Rudolf Wohlleben am 09. Mai 2015 in Bingen zu Sonderkonditionen überreichte. Obwohl mit Sachfehlern und Skurrilitäten übersät wie das Gewand des Algabal mit Sardern und Saphiren, wartet die 168 Seiten starke Monographie sporadisch mit gewissen Lesenswürdigkeiten auf. Im Abschnitt zur Weltanschauung des vielvereinnahmten Dichters etwa führt der Autor unter dem Rubrum ‚Semantischer Vergleich von Schlüsselworten‘ solche Begriffe an, die sowohl in Georges lyrischem Gesamtwerk als auch in Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts gehäuft vorstellig werden: Adel, Ahnen, Art, Blut, Boden, Demut, Dienst, Erde, Ewig, Form, Führer, Geist, Gestalt, Gott, Heil, Heimat, Held, Krieg, Opfer, Priester, Reich, Schicksal, Seele, Sippe, Tat, Tempel, Treue, Volk, Weihe und Zucht.

Beginnt sich der dunkelschimmernde Nimbus dieses vormodernen Wortschatzes um den aufgeklärten Leser langsam wieder zu lichten, dann wird er – das Bändchen assoziationsselig beiseite legend – fraglos einbekennen müssen: So fern sich George und Rosenberg einander im Grunde gestanden haben mögen, so fern stünden sie mittlerweile doch auch vereint zumindest vokabularisch unserer verwalteten Welt. Die überwölbenden begriffsförmigen Sinn-Konstituenten und Geschichts-Determinanten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von wahrhaftigen wie von Talmi-Propheten mit abwehrkämpferischer Inbrunst beschworen, blieben uns allenfalls auf folkloristischen Schwundstufen im kulturellen Gedächtnis. Adel? Erkaufen sich Zuhälter längst formal per Adoption. Demut? Behindert die Karriere. Seelen? Schwäbisches Backwerk. Ahnen und Sippe? Fanden Unterschlupf bei Game of Thrones. Heimat? Sank vom Erz-Ideal zum titularischen Appendix im Seehofer-Ressort. Volk? Höchstens als Amtsvorgänger von Kardinal Lehmann noch wohlgelitten. Gott? Hatte seinen letzten großen Auftritt in Maradonas Unterarm.

Auf den ersten Blick scheinen die logoklastischen Profanierungsroutinen („Adel“, „Held“, „Dienst“) und regelrechten Exorzismen („Reich“, „Volk“, „Heil“), denen das Vokabular des Numinosen in jüngerer und jüngster Vergangenheit absichtsvoll unterzogen wurde, dazu angetan, bei Nostalgikern Phantomschmerz zu wecken: „Form, Geist, Weihe – alles dahin.“ Nach näherer Betrachtung lohnt sich indes ebenso festzuhalten, dass viele der von Wohlleben versammelten Begriffe, die uns und denen wir fremd geworden sind – beileibe nicht nur „Blut“ oder „Krieg“, „Zucht“ oder „Demut“ –, auch und gerade auf Erlebnisumfeldern von Ernst und Not gedeihen. Höchstens Räume der Vorstellung, die durch solche klingenden Türöffner-Vokabeln im Stillen zugänglich bleiben, entfalten auf einen nennenswerten Prozentsatz unserer Mitmenschen noch erhebende Wirkung, wohingegen für das Zurückgeworfenwerden in die zugrundeliegenden Erlebniswelten, in denen „Krieg“ und „Zucht“ mehr wären als achtlos bemühte Gebrauchsbegriffe, kaum Vergnügungssteuer fällig würde.

Wenn Ernst Jünger sich über Jahrzehnte hinweg und mit einem gehörigen Quantum Fortune – „auf Adelers Fittichen sicher geführet“ – heil durch die Sturmwinde der Erlebniswelten bewegt, um sie hernach seinem Publikum literarisch als Vorstellungsräume zu erschließen, dann nimmt der gewöhnliche Leser diese „himmlische Gabe“ – um ein Hölderlin-Bild aufzugreifen – als „des Vaters Strahl“, als einen zwar naturwüchsigen Blitz, der vom vermittelnden Dichter während seines Botengangs allerdings wohlweislich „ins Lied gehüllt“ wird, auch deswegen dankend entgegen, weil poetisches Mantelfutter die Sengkraft des Urerlebnisses abmildert. Manch Glückloserem freilich, der das Kriegsgeschehen Seit an Seit mit dem Autor der ‚Stahlgewitter‘ durchlitt, blieb jede Gelegenheit zur nachträglichen Sublimierung des Waffengangs versagt, weil die Erfahrungs-Blitze, statt sich liedhafter Ummantelung zu fügen, ihren potentiellen Bändiger niederstreckten. Müßig zu erwähnen, dass für Jünger selbst der unverhüllte Erlebniskern schwerer als alle Reflexion wog und im Zweifel auch den vorzeitigen Tod heiligte; über seinen ältesten Sohn, Ende November 1944 in den Marmorbrüchen von Carrara gefallen, notierte der ‚Stenograph des Todes‘ bald darauf ins Tagebuch: „Der gute Junge. Von Kind auf war es sein Bestreben, es dem Vater nachzutun. Nun hat er es gleich beim ersten Male besser gemacht, ging so unendlich über ihn hinaus.“

Es Jünger senior lebensecht nachtun wollen? Da mittlerweile bereits die zurückgelehnte Lektüre der ‚Strahlungen‘ oder ‚Marmorklippen‘ den meisten Zeitgenossen ein Genug an Herausforderung bedeuten dürfte, gilt für sie – wie für den spätkulturellen Blickwinkel überhaupt: Lieber in Vorstellungswelten schwelgen als in Erlebniswelten verschmachten. Wer das beliebig ausgestaltbare Assoziations-Fresko, und sei es in lauterster Wiederverzauberungs-Hoffnung, bis auf die kahle Erlebnis-Wand abbröckeln lässt, gibt seine definitorische Macht über die reizvollen Begriffsmuster („Held“, „Krieg“, „Schicksal“) ein für alle Mal aus der Hand und sieht sich mitunter bitteren Enttäuschungen ausgesetzt: Unter dem Lemma „Zucht“ oder „Demut“ mag man agrarisch-katholische Ständestaaten herbeiträumen und unsanft erwachen in der Colonia Dignidad; hinter der Kennvokabel „Volk“ könnte man auf Landkinder bei der Brotzeit unterm Herrgottswinkel hoffen und nachhaltig verschreckt werden durch joggingbehostes Plattenbau-Prekariat; zu den Schlagworten „Heimat“, „Treue“ oder „Tat“ ließen sich betörende Gesänge anstimmen vom hehren Widerstehen, bis man nach dem Fall dieser Lied-Hüllen womöglich vom Blitz einer weitgehend verpöbelten Oppositionspartei getroffen würde. „Trauern wir darum und kämpfen wir dagegen“, folgert nun der konservative Revolutionär im schalen Revanchisten-Ton, „wenn rückversichernde Begriffe ins Leere zu greifen drohen.“ „Seien wir vielmehr werkstolz“, wendet geschichtsklug und weltversöhnt der Reaktionär ein, „dass kaum mehr frühkultureller Erlebnis-Kalk unverfärbt an der Oberfläche unserer gehärteten Vorstellungs-Fresken aufscheint.“

Zugegeben: Ohne die Geburtshelfer Ernst und Not wären viele der von Wohlleben gelisteten Vokabeln, die ihre suggestive Wirkung selbst auf heutige Leserschaften nicht verfehlen, kaum je in die westliche Welt getreten – aber warum sollten sie gemeinsam mit Ernst und Not unwiderruflich weichen aus ihr? „Kein ding sei wo das wort gebricht“ – jawohl, daran ist nicht zu rütteln. Aber dass umgekehrt auch die so viel mächtigeren Worte verhallen sollen, sobald von ihnen bezeichnete Dinge uns entgleiten, davon steht aus gutem Grunde nichts geschrieben in Georges ‚Neuem Reich‘. Konsultiert man wiederum Goethe, so ließe sich aus dem üppigen Wort-Vermächtnis der mythisch-feudalen Welt durchaus ein Recht, gar der Imperativ ableiten zur anstrengungsarmen Endverkostung dessen, was vorangegangene Generationen dem herben Geschehen an lieblicher Begriffsbildung abtrotzten: „Genieße, was der Schmerz dir hinterließ! / Ist Not vorüber, sind die Nöte süß.“ Es zählt vermutlich zu den amüsanteren Hakenschlägen der Kultur- und Ideologiegeschichte, dass ausgerechnet prononcierte Antimodernisten, die ihr Selbstverständnis zu nicht geringen Teilen aus verantwortlichem Umgang mit Überkommenem beziehen, mittlerweile vielfach als undankbare Erben in Erscheinung treten: Als beschließende Staffelsprinter, die am Übergabepunkt eigensinnig innehalten, um neidvoll auf die vermeintlich härtere und ruhm-, da hürdenreichere Wegstrecke der Vorläufer zu blicken – paralysiert durch den nachgelassenen Vorsprung.

Derlei Sportverweigerern, die nach zielstrebiger Überwindung aller herberen Nöte eigentlich umso befreiter zum Endspurt ansetzen könnten, liefert Heidegger das bequeme Stichwort, um der habituellen Verzagtheit und Grämlichkeit auch weiterhin nicht abschwören zu müssen: „Unsere Not ist die Not der Notlosigkeit, der Unkraft zur ursprünglichen Erfahrung der Fragwürdigkeit des Daseins.“ – Heureka. Dass sich der durchschnittliche Sportlehrer – seinen Schlussläufer im Nachhinein gereizt zur Rede stellend – von solchem oder artverwandtem Wortgedrechsel eher unbeeindruckt zeigen dürfte, steht erstens außer Zweifel und zweitens auf einem anderen Blatt. An dieser Stelle soll stattdessen der Frage nachgesonnen werden, worin denn etwa die spät-süße Notlosigkeits-Not, sofern sie tatsächlich mehr sein sollte als eine verlegene Schutzbehauptung lauffauler Berufsmelancholiker, bestehen mag. – Darin, dass man ein Wild nicht mehr im kollektiven Blutrausch erlegt, sondern es unter vergleichsweise überschaubarer Gefahr wohlportioniert aus dem Kühlfach birgt? Darin, dass kaum mehr todbereit um die große Liebe gefochten, sondern genehmer Ersatz per Dating-App aufgestöbert wird? Darin, dass sakrale wie säkulare Straf-Instanzen immer seltener mit Fegefeuer oder Folterhaft drohen, sondern – für Heideggerianer gewiss weitaus beängstigender – zusehends mit Gesprächstherapie und Resozialisierung?

Zu konstatieren wäre für jeden dieser Fälle, dass die – empfundene oder vorgeschützte – Not der Notlosigkeit etwas ist, das man sich leisten können muss. Wer Hunger noch anders kennt denn als Diät-Strategie oder vom Purgatorium mehr befürchtet als langatmige Lehreinheiten im katechetischen Seminar, der wird aus eigener Anschauung Greifbareres zu bemängeln wissen als die lähmende Unkraft zu ursprünglichen Fragwürdigkeits-Erfahrungen. So erweist sich das Luxus-Lamento des zeitweiligen Priesterseminaristen Heidegger als passgenau zugeschnitten auf einen alten und seit langem reichen Kulturkreis – mithin auf jenen Erdteil, dessen Geschick und Geschichte, wenn man dem katholischen Aphoristiker Arne Kolb Gehör und Glauben schenkt, über weite Strecken von einer hochgradig Süßnot-verträglichen Frömmigkeit geformt wurde: „Das Christentum ist nicht die Religion des Armen, der leidet, weil er nichts hat; sondern jene des Reichen, der leidet, obwohl er alles hat.“ Wer diese abendländische Gemütsdisposition ernst nimmt und von ihr aus seine Schlüsse zieht, der muss sich zuallererst darüber klar werden, dass der Notlosigkeits-Not keineswegs, wie in konservativ-revolutionären Kreisen vielfach angenommen und erhofft, durch ein erneutes Heraufbeschwören materieller Entbehrungen beizukommen sein wird, sondern dass ihr, wie es auch Wolf-Dieter Storl im Gespräch mit Tano Gerke anklingen lässt, einzig durch innere, durch spirituelle und kulturelle Raumerweiterungen wirkungsvoll zu begegnen wäre.

Jedes verschämte Zuwarten oder politische Abzielen auf äußerliche Engpässe hingegen, unter deren Eindruck man die süßen Nöte spielend zu überwinden hofft, bedeutete vom europäischen Standpunkt aus Fahnenflucht und Selbstbetrug. Die wesentliche, da transzendentale, durch verzweifelte Evokation einer bloß realen Obdachlosigkeit vergessen machen zu wollen, hieße Betäubung statt Heilung anzustreben. An dieser Stelle sei im Vorübergehn die moderne Ökologie gestreift, deren Verfechter – zumal im konservativen Lager – mitunter weniger von genuiner Naturverwurzelung als der Lust an künstlicher Härte getrieben werden. Unter solchen Auspizien sinkt das Selbstversorger-Leben, a priori ein löblicher Ansatz, weit zum Fetisch und Vorsatz herab – und die allnährende Natur schrumpft zum Hochreck für nachmoderne Selbstfindungs-Turnübungen: Karstbewehrt stochert man auf dem Feld nach Gemüse, während der nächste Discounter wenige Fuß- oder Fahrminuten entfernt steht. Man duscht in täglicher Stählungs-Absicht zwecks Patriarchats-Rettung kalt, obwohl selbst eisernste Imperatoren das Caldarium nicht verschmähten. Man zieht sein Selbstverständnis aus der Aufopferung für ein Volk, das mehrheitlich längst geschichtssatt als Gesellschaft vor sich hin und neben sich her lebt. Dass ihr Posten so gründlich verloren scheint und ihre in der Tat befremdlich-sinnlose artifizielle Notschöpfung von einer übergroßen Publikumsmajorität als ebensolche Sinnlosig- und Befremdlichkeit empfunden wird, lässt die notlos Ackernden und Opfernden jedoch nicht etwa ins Grübeln geraten, sondern wird von ihnen leidensstolz ans „Ego-non“-Revers geheftet – gerne garniert mit dem Verweis auf die krypto-larmoyante Spengler-Losung ‚Optimismus ist Feigheit‘.

Um böswilligen Missdeutungen vorzubeugen: Wer ohne Hintergedanken naturnah lebt, dem gebührt und gehört unsere Achtung, vielleicht sogar Bewunderung. Erdverbundenheit aber, die nicht als Selbstzweck oder innere Fraglosigkeit, sondern als effektheischender Lebensentwurf, als politisches Programm oder gar – Gipfel der Obszönität – als Geschäftsmodell daherkommt, ist eine der traurigeren Erscheinungen unserer an Traurigkeiten reichen Zeit. Wer seinen Garten fern und frei von der Welt und ihren Läuften bestellt, ganz im Unklaren über die Verhältnisse jenseits der Umfriedung, strahlt Würde und Unerschütterlichkeit aus: „Wir waren glücklich bloss solang wir einst / Nicht diese hecken überschauen konnten.“ Wer aber seine Scholle vor allem im wohlig-antizipierenden Bewusstsein eines vermeintlich nahenden zivilisatorischen Zusammenbruchs bewirtschaftet, katastrophenlüstern hinfiebernd auf den historischen Wendepunkt, der die eigene Erbärmlichkeit rückwirkend zum Triumph ummünzt, wer Kraft zum autarken Dasein im Hortus conclusus also einzig aus verstohlenen Seitenblicken durch das Strauchwerk schöpft, der darf nicht nur als verheuchelt bis ins Mark, sondern auch als kitschigste aller Setzkasten-Figuren im Kuriositätenkabinett jener westlichen Moderne gelten, die er zu bekämpfen vorgibt. Wer den frisch geköpften Hahn auf Twitter präsentiert („Blut“, „Tat“, „Opfer“), per Blog-Eintrag zur Messe lädt („Heil“, „Priester“, „Weihe“) oder für ZEIT-Reporter die Ziege melkt („Demut“, „Dienst“, „Zucht“), erweitert den Adressatenkreis des alten Degas-Wortes: „Wieder einer jener Eremiten, die wissen, wann der nächste Zug abgeht.“ Mag sein, dass irgendwo, an den äußersten Enden der bewohnten Welt, noch immer solche anzutreffen sind, die nicht bloß vom Fahrplan, sondern auch von Zügen und selbst von Schienentechnik wenig ahnen – Gott sei mit ihnen. Für Europa und Europäer gilt hingegen, dass das demonstrative Hochhalten der archaischen Ideale, an denen sich Georges und Rosenbergs Welten überschneiden, längst zum einträglichen Produktzweig der prosperierenden Selbstverwirklichungs-Industrie geworden ist.

Was nun die freie Persönlichkeitsentfaltung des konservativen Revolutionärs von jener der Fitness-Influencerin unterscheidet, ist allein die beharrliche Weigerung des ersteren, das eigene Wirken als Rädchen im Getriebe des Globalkapitalismus, als effektiver Systemstabilisator einzugestehen und anzuerkennen. Stattdessen verbrämt er den unleugbaren Beliebigkeits-Charakter auch seines, vielleicht gerade seines Lebensentwurfs tapfer mit Girlanden von Notwendigkeits-Rhetorik – aber täte er dies nicht, dann spielte er die ihm zugewiesene Setzkasten-Rolle schlecht. Anders als das versunkene Nachtgemurmel des lauteren Reaktionärs greift die konservativ-revolutionäre Agitation, getragen vom aggressiven Sendungsanspruch ihrer aufmerksamkeitsbedürftigen Proponenten, über die Heckenfront des eigenen Gartens deutlich und mit Rettergestus hinaus. Im Fall von Völkern jedoch, die sich mählich zu Gesellschaften mausern, geben sich auch politische Erlösungs-Unternehmungen zusehends als Beschäftigungstherapien für ausrangierte Retter zu erkennen, spielend auf marginalen Kanälen.

Wer 2020 unweit von urbanen Konsumzentren sendungsbewusst in agrarischer Peripherie darbt, der beweist sich vorrangig, dass er könnte, wenn er müsste – was freilich wenig daran ändert, dass unser gutes altes Müssen – gemeinsam mit Gott und Volk, mit Zucht und Weihe – als Begriff und Vorstellung kaum mehr nennenswerten Widerhalt in westlichen Erlebniswelten findet. Im Konjunktiv, im Bewusstseins des Nicht-Müssens, wurde schon immer viel gekonnt. Entscheidender bleibt unter historischen Gesichtspunkten, auf wessen Seite der Indikativ sich schlägt. Den klügeren Parteigängern der Zurück-zur-Natur-Fraktion dämmert mittlerweile, dass im Europa des 21. Jahrhunderts weder Fernverkehr noch Online-Handel, sondern dass hier und jetzt gerade die Gusto-Gräser-Existenz ein Dasein im ständigen Als-Ob wäre. Nur auf wenige Ethnien und Individuen, von denen wir Kenntnis haben, sind Erdnähe und Unverfälschtheit im Indikativ überkommen. Für den großen Rest und zumal für späte Abendländer gilt indes: Niemand wird je wissen, ob er auch gekonnt hätte oder können würde, wenn entgegen aller Wahrscheinlichkeit das Müssen in okzidentale Breiten zurückfände. Nichts oder nur frugal zu essen im kräftigenden Bewusstsein, dass sich nebenan opulent tafeln ließe, ist kein wirkliches Hungern. Mannhaftes Ackern im erleichternden Bewusstsein, dass die Erntemaschine im Zweifel zuhanden und der Discounter notfalls nah wäre, ist kein wirkliches Ackern. Und auch ein für Volk oder Land im lockernden Bewusstsein ausgetragener Kampf, dass man jederzeit bequem in die Schweiz oder nach Ungarn emigrieren könnte, ist kein wirkliches, kein urerlebnishaftes Gefecht. Das Äußere der Not wird in allen drei Szenarien an der Oberfläche nachempfunden, ihr Eigentliches aber, der geistig-seelische Gehalt, bleibt unerschlossen – dank der Vielzahl von Hintertüren.

Ob sich die körperliche Hülle dieses Geistes und dieser Seele auf Kartoffelplantagen abmüht oder im Palast-Vestibül lehnt, ist daher von nachgeordnetem Belang. Sofern der Ortsfaktor allerdings doch ins Gewicht fallen sollte, dann weit eher zugunsten des Prachtbaus, weil das Leben in materiellem Luxus den modernen Menschen von leiblich nachempfundenen Notlagen ganz in Vorstellungswelten hineinzwingt, wo die Entbehrung nach George umso reiner und ursprünglicher ins Bewusstsein treten kann: „Ihr lernt: das haus des mangels nur kenne die schwermut · / Nun seht im prunke der säulen die herbere schwermut.“ Und wie meist, wenn der Dichter des Geheimen Deutschland sich mit weltanschaulichen Setzungen vorwagt, den Leserblick auf der Suche nach Sekundanten durch die weitere Autoren-Runde schweifen lassend, meldet sich zumindest Botho Strauß zur Stelle: „Viele werden erst lernen müssen, daß vom Reichtum an aufwärts die Not beginnt.“ Die offenkundige Unerheblichkeit unserer Aufenthaltsumstände legt gegenwärtig nur einen Ratschluss nahe: Genießen Sie, was an äußeren Machbar- und Möglichkeiten uns beschert ist – und warten Sie getrost ab, was die Zukunft an unverhofften Erlebnis-Nöten bereithält. Härten zeichnen sich dadurch aus, dass sie schlagartig über uns kommen, nicht wir wählerisch zu ihnen. Sie sind kein formbares Entwurfsmaterial, sondern fernverhängte Fügungen. Beschränkungen gelten nur und helfen dann, wenn sie uns von höherer Warte gesetzt werden, nicht wenn wir selbst sie im Safe-Space des Als-Ob aufrichten. Was heute von Männer-Attrappen wie Jack Donovan, was in Kreisen von Selfmade-Barbaren und Vulgär-Maskulisten, von den derberen Aposteln der Wiederverzauberung gepredigt und praktiziert wird, ist künstlicher als jedes Innenstadt-Loft: es zielt auf Abpack-Not, auf Härten-to-go, auf Engpass-Accessoires; dahinter stehen Disney-Demut, Ernstfall-Lifestyle und Schicksals-Design.

Mit dieser Geißelung ist freilich die Frage nicht beantwortet, warum bestimmte Zeitgenossen einem überlebten Ideal im Modus des fortgesetzten Selbstbetrugs nacheifern. Worin besteht die ungebrochene Anziehungskraft der bitteren Nöte im Unterschied zur spät-süßen Notlosigkeit? Mein Erklärungsversuch ist dieser: Wie keine der herberen Entbehrungen entzieht sich die süße Sekundär-Not verlässlich der Ästhetisierung. Wirkliche materielle Härten, primäre Nöte, lassen sich mühelos in Bilder kleiden, wie nicht nur der Reaktionär sie liebt und in der Welt vermisst: Für jedes arme Waisenmädchen gibt es Mondnächte mit Sternenregen, für jede vor-tinderlich Liebende liegt der Hellespont im Morgenschein bereit, Für jede verstoßene Pfarrerstochter von Taubenhain findet sich ein schilfiges Unkengestade – und mit Glück auch ein Napoleon Neureuther, der ihr dunkles Los, treu nach Bürgers Textvorlage, für die empfängliche Nachwelt in den Farben des Herbstes festhält. Wie aber soll man spät-süße Notlosigkeits-Not imposante Gestalt gewinnen lassen, wie Überdruss statt Verlust und Gleichgültigkeit statt Unbedingtheits-Pathos eindrucksvoll in Szene setzen? Es bleibt dabei: Das Fegefeuer ist leinwandtauglicher als jede Resozialisierung, die eine wahre Liebe romankompatibler als gesammelte Dating-Abenteuer und jede Treibjagd theatralisierbarer als der Schlurfgang zum Kühlfach. Die heimliche Losung des konservativen Ästheten lautet seit jeher: „Kein ding sei wo das bild gebricht.“ Dass ihm die süße Not inzwischen als schlimmes Übel gilt, erscheint wiederum dem orthodoxen Fortschrittler, der Ästhetik traditionell für eine Unterabteilung des Propaganda-Apparats hält, als abgrundtiefer Zynismus. Tatsächlich sollte man aber auch aus anderen als progressiven Perspektiven dem konservativen Revolutionär einbläuen, dass es kein Recht gibt auf freie Notwahl, sondern dass man die je zugedachte Härte klaglos anzunehmen hat, wie süß und bildfern sie auch immer sei.

„Kein Recht auf pittoreske Nöte?“, wird der so Angesprochene betroffen fragen, „aber was bleibt uns denn dann noch?“ Was überdauert, das wird ihm auch der Reaktionär besänftigend zusichern, sind die hohen Begriffe als alterslose Behälter des erhabenen Lebens. Man hefte sich an die Fersen von Nicolás Gómez Dávila, mit dem zwar noch kaum jemand realpolitisch erfolgreich, aber auch niemand philosophisch falsch gefahren ist: „Die edelsten Dinge auf Erden existieren vielleicht nur in den Worten, die sie heraufbeschwören.“ Waren „Schicksal“ und „Opfer“, waren „Heil“ und „Treue“ jemals etwas anderes, waren sie vor allem je Größeres und Reineres als diese Worte selbst? Wer solches behauptet, bürdet sich Beweislast auf. Immerhin: Eine stattliche Litanei an Liedern und Büchern ist nach folgendem Muster benannt: „Frieden. Mehr als ein Wort.“ Oder: „Freiheit muss mehr als ein Wort sein.“ Und natürlich: „Liebe ist nicht nur ein Wort.“ Doch auch der flüchtigste Leser des Johannes-Evangeliums weiß: Nichts geht über das Wort, nichts unterläuft das Wort, nichts geht vor dem Wort, niemand hintergeht das Wort. Wie nicht selten, so sieht sich der Reaktionär auch in Fragen der Wort- und Tat-Gewichtung vereinsamt zwischen allen Stühlen: Konservative Revolutionäre, die aus dem verbliebenen Feuerstein der heroischen Vorstellungswelt um jeden Preis ihren Funken einer heroischen Erlebniswelt schlagen wollen, reihen sich zur Querfront ein mit Progressisten, die nach erfolgreicher Kaltstellung der erhabenen Lebenswelt ihren Vernichtungstrieb in ausrotterischer Konsequenz auch auf die erhabenen Begriffe richten.

Warum aber nicht für eine alternative Option werben? Warum nicht die Frage aufwerfen, ob unsere Generation und unser Weltalter als Ganzes womöglich bestimmt sind dazu, das Existenzielle und Elementare weniger handfest und hautnah zu erfahren als es der gewöhnliche Neo-Barbar zu erzwingen versucht? Durchaus möglich, dass sich unser spätes Schicksal reich erfüllt, indem wir Fundamentales zum Gemälde erstarrt betrachten, Brachiales ins Lied gehüllt empfangen, aus zweiter Hand von Urgewalten umso verfeinertere Notiz nehmen – am besten auf einem komfortablen Sitzmöbel im beheizten Wintergarten, aus dem man statt auf Nutzäcker auf Zierpflanzen blickt, die nicht unter eigener, sondern unter der Obhut des Gärtners gedeihen. Denn Anpacken wäre Feigheit, Ärmel-Hochkrempeln Augenwischerei – und die Aktion ist und bleibt „die letzte Zuflucht des Verängstigten“ (Gómez Dávila). Geben wir uns diese Blöße nicht. Stellen wir uns der süßen Not. Haben wir, wie etwa Friedrich Hechelmann es vorlebt und anempfiehlt, den selbstlosen Mut, alle Siege der Vorangeganenen neidlos zu begrüßen, statt alte Kämpfe in autotherapeutischer Absicht auf ein Neues ausfechten zu wollen. Seien wir nicht krampfhaft Schaffende und Stapfende, sondern tänzeln und gleiten wir ruhig als Liebhaber und Lernende dahin – immer auf der Spurensuche.

Weitere Beiträge