Nekrolog 2020

Impfungen, Inkubationszeiten, Inzidenzwerte: Für 2020 darf leicht abgewandelt gelten, was Gustav Schwab in seinen ‚Sagen des klassischen Altertums‘ über die getrübte Welt nach Öffnung der Pandora-Büchse schrieb: „Eine Schar von Fiebern hielt die Erde belagert, und der Tod, früher nur langsam die Sterblichen beschleichend, beflügelte seinen Schritt“. Je hochtaktiger Freund Hein arbeitet, desto strenger haben wir die Pforte zu unserer 2019 begründeten anbruch-Nekropole zu bewachen. Das entscheidende Ausschlusskriterium liefert uns dabei – mit aller wünschenswerten Prägnanz – Friedrich Gundolf in seiner Heidelberger Antrittsvorlesung (1911) zu Hölderlins ‚Archipelagus‘: „Uns geht kein Leben an, das sich nicht im Werk geäußert und gestaltet hat.“

Das mag grausam klingen, ist für hiesige Belange aber unabdingbar. Außerhalb des kulturellen Koordinatensystems finden andere Kriterien Anwendung und kommen weiter gezogene Kreise in Betracht, doch hier verteidigen wir gewissenhaft den Innenraum und spielen in diesem Zuge gern die Rolle des anspruchsvollen Concierge. Allerdings: Ganz so wählerisch zeigen wir uns im Rückblick auf die Verstorbenen des Jahres 2020 zumindest insofern nicht, als sechs der sieben ins Gedächtnis Gerufenen hauptsächlich als Musiker in Erscheinung traten, als Vertreter einer späten und matten Kunst also, die der jüngere Bruder unseres Kriterien-Lieferanten, Ernst Gundolf, mit Wolfskehlscher Rückendeckung als vermindert zeugungskräftig einstuft.

„Es wäre ein für allemal zu untersuchen, ob überhaupt die Musik die ihr beigeschriebene Kraft ihrem Wesen nach in sich trägt als dionysischer Schoß apollinischer Schau. Wir dürfen uns zur Beantwortung dieser Frage auf die grundsätzlichen Ausführungen in Wolfskehls Aufsatz berufen, wo gezeigt ist, daß und warum dies nicht möglich ist: weil nämlich nach Nietzsches späterem Wort die Musik im heutigen Sinne wesentlich eine Barockerscheinung ist, das heißt ein Nachgesang gewesener Gestaltungen, weil sie aus dem gemeinsamen Mutterboden alles Menschenmaßes, dem Rhythmisch-Bildlichen, schon gelöst eigen-sinnig sich den Erregungen der Tonwelt hingibt und sie eigen-gesetzlich bindet, jeder leidenden, aber nie der zeugenden Erschütterung fähig.“

Trotz solcher bedenkenswerten Einwände haben wir keine Wahl – irgendwer muss schließlich auch dann zum Jahreswechsel auf unsere Schilde gehoben werden, wenn vorbarocke ästhetische Phänomene seltener werden und die Epoche sich höchstens noch zum Nachgesang aufrafft. Zwei Verstorbene, die beruflich selbst den zerstiebenden „Erregungen der Tonwelt“ noch zu fern standen, um Aufnahme zu finden, Roger Scruton und George Steiner, haben wir bereits mit außerordentlichen Nachrufen bedacht, ehrenhalber seien ansonsten auch Kirk Douglas und Olivia de Havilland (jeweils 1916-2020) erwähnt, gegen deren Einlass in unsere Nekropole der bekannte Schiller-Vers aus dem Wallenstein-Prolog ins Feld zu führen wäre: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ Zentrales und erhebendes Element der Schauspielkunst, zumal und zumindest vor Erfindung des Films, war stets die Transitorik der Bühnen-Momente: den darstellenden Künsten gehört der Augenblick, den bildenden die Ewigkeit. Unsere Prioritäten sollten klar sein.

Mausoleum des Grafen Ernst zu Münster in Derneburg.

† 09. Februar 2020: Mirella Freni (*1935)

Mirella Freni, wie Luciano Pavarotti 1935 in Modena geboren, zählte zu den frühsten Weggefährtinnen des Tenors. Anders als dieser fand sie in ihrem Repertoire regelmäßig über das mitunter allzu vordergründige Puccini-Pathos oder die volkstümliche Gemüthaftigkeit des neapolitanischen Liedguts hinaus, sang etwa die ‚Vier letzten Lieder‘ von Richard Strauss, entstanden im vorletzten Lebensjahr des Komponisten. Nicht erst seit Bachs Zeiten gilt der Tod als großer Bruder des Schlafes. Im Hesse-Gedicht ‚Beim Schlafengehen‘, dem dritten der ‚Vier letzten Lieder‘, wird die weitläufige Verwandtschaft der beiden – freilich verschieden lang währenden – Unbewusstseins-Zustände unterschwellig bespielt: „Und die Seele, unbewacht, / Will in freien Flügen schweben, / Um im Zauberkreis der Nacht / Tief und tausendfach zu leben.“ Möge Mirella Freni dieser so makellos besungene Seelenwunsch auch vom großen Bruder des Schlafes erfüllt werden.

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† 18. Juni 2020: Vera Lynn (*1917)

In Zeiten schicksalhafter Kriege sind seit Homer auch die Sänger nicht weit, in jüngeren Jahrhunderten vermehrt auch die Sängerinnen nicht. Bis zum Ersten Weltkrieg verkörperten Dichter-Krieger wie Theodor Körner oder Ernst Jünger das Hand in Hand von ‚Leyer und Schwerdt‘. Im Zuge des Zweiten Weltkrieges trennten sich Schwert und Leier immer öfter: anonyme Soldaten kämpften sanglos, namhafte Frauen sangen kampflos. Durchhalte-Lieder für die deutsche Front steuerte vor allem Zarah Leander bei, für die US-Armee sang Marlene Dietrich bis zum Einmarsch in GI-Uniform und für das Empire wurde die später geadelte Vera Lynn mit ‚We’ll Meet Again‚ zu ‚The Forces‘ Sweetheart‚. Im Juni 2020 starb sie in Südengland – zwar nach wie vor ohne Schwert als Leier-Ergänzung, doch immerhin älter als Jünger. Auf dass beide im anbruch-Jenseits gut miteinander zu Rande kommen mögen.

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† 30. Juni 2020: Ida Haendel (*1928)

Auf Ida Haendel konnte stoßen, wer zu Beginn des Jahrtausends die Dokumentation über das Teufelsinstrument ‚Violine‘ sah, in der sie neben Itzhak Perlman und anderen als Expertin auftrat. Auch heute noch sehe ich mir den Trailer gerne an, darin Perlman von vergangener Buntheit und Vielfalt schwärmend: „If you compare violinists of today and violinists of, let’s say, the 20s, 30s, 40s and 50s, in my mind – or to my ear – I don‘t feel that one of them sounded like the other: Let’s talk about Kreisler, Elman, Heifetz, Francescatti, Milstein, Menuhin, Oistrach, Stern – everybody sounded different.“ Schon wenn man während Perlmans melodischer Aufzählung („Stern…“) in die eingeblendeten Gesichter der genannten Virtuosen blickt, in die Cäsaren-Miene von Menuhin, auf den Viktorianismus-tauglichen Nathan Milstein oder den nach Gauland-Manier sich zum Betrachter neigenden Isaac Stern, dann möchte man dem Kommentator intuitiv zustimmen: Es waren eben doch alles Originale. Zu ihnen zählte auch Ida Haendel, die im Juni 2020 in Miami starb. Möge die wohlverstandene Buntheit, die Unverwechselbarkeit wiederkehren und das planierte Einerlei aus den Tempeln der Kunst vertreiben.

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† 01. Juli 2020: Georg Ratzinger (*1924)

Woher hätte man Georg Ratzinger denn kennen sollen? Weder hat er in Liedpausen verschwitzt und grölend zur Diktatur aufgerufen noch hüpfte er in Chemnitz vor dem Marx-Kopf für das Gute. Wäre sein Bruder nicht zufällig zum Oberhaupt des imposantesten Zwergstaats der Welt gewählt worden, wir würden wohl bis heute wenig mitbekommen haben vom intensiven Schaffen des langjährigen Regensburger Domkapellmeisters: nicht von seinen Schubert- und auch nicht von seinen Mendelssohn-Einspielungen, von eigenen Kompositionen noch tiefer zu schweigen. Daher stehe Georg Ratzinger in diesem Nekrolog auch platz- und statthalterisch für so viele, die in der nachfeudalen Aufmerksamkeitsökonomie notwendig untergehen müssen, weil sie zu leise oder zu ernsthaft ihre Pflicht tun oder ihrer Berufung nachgehen. Mögen diese Übergangenen auch weiterhin von der inneren Gewissheit getragen werden, dass der eigentliche Lohn und Sinn im Werk, nicht im Wirken besteht.

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† 06. Juli 2020: Ennio Morricone (*1928)

Ennio Morricone gehört zu denjenigen Hochkarätern, die wir zu Lebzeiten erfolglos um ihr Schriftbild baten. Weil man nur sehr ausgewählte Animositäten über den Tod hinaus aufrechterhalten sollte, verzeihen wir ihm heute (wie auch Christo oder Olivia de Havilland) feierlich seine ja vielleicht bloß altersbedingte Reserviertheit und lassen ihn zu eigenen, durchaus anlassbezogenen Melodien (die übrigens zum Teil Mozarts ‚Tuba Mirum‘ entliehen sind) die Schwelle passieren. Möge er hinter ihr mit Wolfgang Amadeus nicht in Plagiatsstreit geraten.

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† 23. September 2020: Juliette Gréco (*1927)

Lange glaubte ich als Édith Piaf gehört habendes Kind, Aufnahmen aus den 50ern klängen allesamt blechern: technische Gründe, das konnte schon gut sein. Als ich Jahre später die frühsten, ebenfalls zur hohen Piaf-Zeit entstandenen, Tonträger von Juliette Gréco hörte, war klar, dass dieser zweifelhafte Blechbüchsen-Charme sich nicht der Aufnahmequalität, sondern Piafs Stimme selbst verdankte. Im Januar 2014 schließlich sah ich Juliette Gréco in einem ihrer letzten Konzerte. Geändert hatte sich seit dem Pariser Existenzialismus-Zenit wenig: Immer noch positionierte sich die einstige Muse von Cocteau und Camus statuarisch in dunkler Robe vor dunklem Hintergrund, um einzig die ausdrucksvollen Hände und das noch ausdrucksvollere Gesicht hervortreten zu lassen. Ihre Stimme gehörte sicherlich zu jenen Stimmen, von denen man sich von Zeit zu Zeit fragen darf, ob es überhaupt welche sind. Doch selbst wenn nicht, dann muss das nichts Schlechtes heißen. Sie sei „die größte Sängerin ohne Stimme“, sagte Ella Fitzgerald einmal über Hildegard Knef – und als tödliche Beleidigung war das sicher nicht gemeint. Vielleicht war Juliette Gréco die zweitgrößte. Mögen sich die beiden im Jenseits über die Rangfolge einig werden.

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† 31. Oktober 2020: Sean Connery (*1930)

Das Beispiel der Weltkarriere, die Sean Connery nach Intermezzi als Milchmann, Bademeister und Bodybuilder hinlegte, ruft uns eindrucksvoll ins Bewusstsein, was alles geschehen kann, wenn und weil Cary Grant gerade keine Lust hat. Denn eigentlich war der ungleich feinere, beinah dreißig Jahre ältere Hollywood-Gigant, der sich auch später nicht mehr aus dem Ruhestand locken ließ, die erste Wunschbesetzung der Bond-Produzenten gewesen. Connery, weniger Gentleman als Draufgänger, kam dem gewandelten Zeitgeschmack vielleicht nicht ganz ungelegen. Zumindest hatte man sich schnell an ihn gewöhnt und trauerte der schönen Vorstellung eines Grant-Bonds bald kaum mehr nach. Anders verhält es sich freilich mit Orson Welles, der 1964 für die Rolle des ‚Goldfinger‘ vorgesehen war, dieses Unternehmen aber durch zu hohe Gagen-Forderungen torpedierte. Bei aller landsmannschaftlichen Liebe zu Gert Fröbe: Wenn das Projekt ‚Goldfinger‘ auf irgendeinem Wege doch noch legendärer hätte werden können als es auch ohnedies wurde, dann mit Orson Welles in der Haupt- und Titelrolle. Möge Sean Connery das Verpassen dieser Gelegenheit in Frieden verwinden.

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